Geschichte der lateinischen Sprache
Latein ist erst im Laufe seiner Geschichte eine Weltsprache geworden. Ursprünglich war es - wie der Name sagt: ‚lingua Latina’ - lediglich die Sprache der Latiner. Latium, die Heimat dieses kleinen Volkes, war nur ein Gebiet von einigen hundert Quadratmeilen. Nach der Sage wurde im Jahr 753 v. Chr. in dieser Region die Stadt Rom gegründet. Latein, das in Latium und Rom neben anderen lokalen Dialekten gesprochen wurde, konnte sich jedoch im Laufe der Zeit immer stärker durchsetzen, auch gegenüber den rivalisierenden Sprachen der übrigen italischen Volksstämme.
Vom 5. Jhdt. v. Chr. an eroberten die Bewohner Roms und ihre Bundesgenossen Zug um Zug den Norden und den Süden Italiens. Um 300 v. Chr. befindet sich der italische Boden fast vollständig in römischer Hand. Rom ist Hauptstadt und Kulturzentrum, Latein die Sprache des römischen Reiches geworden. Atemberaubend war der Aufstieg Roms vom Stadtstaat zum Kaiserreich. Um Christi Geburt erstreckte sich das römische Hoheitsgebiet vom heutigen England bis nach Nordafrika und vom Atlantik bis zum Orient. Immer neue Länder mussten sich den römischen Legionen beugen und wurden Provinzen. Rom war schließlich die unumschränkte Herrin und der Mittelpunkt der antiken Welt. Gleichzeitig gewann natürlich die ehemals unbedeutende Mundart von Latium auch in den eroberten Gebieten immer mehr Einfluss. Latein entwickelte sich zur universalen Amts- und Kultursprache der westlichen Welt. Sie erreichte ihre klassische Vollendung unter Cicero (106 - 43 v. Chr.), der auf Grund seiner wortgewaltigen Beredsamkeit in Rom und Italien zum sprachlichen und schriftstellerischen Vorbild wurde. Er hat die Schriftsprache geprägt und genormt, so wie sie - fast unverändert - bis auf den heutigen Tag weitergegeben wurde. Die Römer haben im übrigen ihre Sprache den unterworfenen Völkern keineswegs aufgezwungen. Die Kolonialisierung, die überlegene römische Kultur und Zivilisation machten den Gebrauch des Latein jedoch oft notwendig und natürlich meist auch außerordentlich vorteilhaft. So wurde in der Kaiserzeit die Sprache zum festen Bindeglied, das die unzähligen Völker des Reiches zusammenhielt.
Latein war die Sprache der Verwaltung, des Rechts, des Handels, ebenso aber auch die Sprache der Wissenschaft, der Literatur und die Sprache der Schulen. Nach dem Zusammenbruch der römischen, heidnischen Antike leitete das Christentum eine geistige Revolution ein und griff dabei wiederum auf die Weltsprache zurück. Latein wurde zum notwendigen Instrument und idealen Verständigungsmittel einer Kirche, die ihrem Namen entsprechend - katholisch heißt universal, über den gesamten Erdkreis hin - beabsichtigte, die heidnischen Völker der Welt zu bekehren und für den christlichen Glauben zu gewinnen. Natürlich konnte das umgangssprachliche Latein, von so vielen Menschen für die verschiedensten Absichten gebraucht, die ursprüngliche Reinheit nicht bewahren.
Neben der offiziellen Schrift- oder Literatursprache, um die sich Philologen oder Schriftsteller zu allen Zeiten bemühten und die immer wieder nach dem klassischen Vorbild Ciceros gleichsam restauriert wurde, entwickelten sich in den einzelnen Ländern des römischen Reiches die lateinischen Volkssprachen weiter. Schließlich entstanden eigenständige lateinische Dialekte, aus denen im Laufe der Zeit das moderne Französisch, Spanisch und Italienisch hervor gewachsen sind. Die Ähnlichkeit mit ihrer Mutter lassen alle diese Tochtersprachen noch heute deutlich erkennen.
Große Anstrengungen wurden allerdings über viele Jahrhunderte hinweg in ganz Europa unternommen, um das geschriebene Latein in der Idealform als internationale Sprache der Wissenschaft zu pflegen und der Nachwelt zu überliefern. Latein wurde so zum Träger des geistigen Lebens in Europa, zur Muttersprache der christlich-abendländischen Kultur. Schon zu Zeiten Karls d. Großen gab es eine erste Renaissance der Lateinstudien. Im Mittelalter war Latein Verständigungsmittel der verschiedensten europäischen Volksgruppen. Im zwischenstaatlichen und internationalen Verkehr diente es als Diplomaten- und Gelehrtensprache. In der Renaissance erinnerte der Humanist Erasmus v. Rotterdam mit der Reinheit und Gewandtheit seines Lateins wieder an Cicero. In dieser Sprache veröffentlichte Kopernikus, Astronom und Humanist, im Jahr 1542 sein Werk "De revolutionibus orbium caelestium" (sein wesentlicher Inhalt: Die Erde bewegt sich um die Sonne) und revolutionierte damit das naturwissenschaftliche Denken. Kepler, Galilei, Descartes, Leibniz, Spinoza und Newton, sie alle vermittelten in lateinischer Sprache ihre kühnen geistes- und naturwissenschaftlichen Entdeckungen. Doktorarbeiten und Übersetzungen wurden bis zum Ende des 19. Jhdt. fast ausschließlich in Latein abgefasst und trugen dazu bei, dass wissenschaftliche Leistungen europäisches Gemeingut waren, für jeden interessierten Wissenschaftler ganz selbstverständlich zugänglich. Seit der Antike ist das Fach Grundbestand der höheren Schulbildung und ist in den Lehrplänen lückenlos nachzuweisen.
